Digitale Ausstellung
Ein Archiv öffnet sich.
Um Literatur entsteht Handlung.
20. Mai 2026 bis 31. März 2028 Eine Ausstellung der Monacensia, München
»Mein bislang unsichtbares Archiv soll hier sichtbar gemacht werden und Synergien mit Beständen der Monacensia erzeugen.«
Rachel Salamander, 2022
1982
Rachel Salamander gründet die Literaturhandlung in der Münchner Fürstenstraße – die erste Buchhandlung für Literatur zum Judentum in Deutschland nach 1945. Jahrzehnte nach der Vernichtung durch den Nationalsozialismus erhält jüdisches intellektuelles Leben wieder eine Präsenz im öffentlichen Bewusstsein.
2022
Rachel Salamander schenkt ihr umfangreiches Archiv der Stadt München.
»Ich wollte dem Jüdischen in der nichtjüdischen Öffentlichkeit einfach Präsenz geben und der jüdischen Erfahrung Relevanz. Das heißt reden, reden, reden & Fremdheitsgefühle abbauen.«
Rachel Salamander, 2024
Die Literaturhandlung ist mehr als ein Buchladen. Sie ist Bühne, Diskursraum und Ort der Begegnung.
Hier ging es um Bücher. Und darum, ein Gespräch in Gang zu bringen.
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Schalom Ben-Chorin in der Literaturhandlung von Rachel Salamander. RSA F 173
»Der Name ›Literaturhandlung‹ soll ja andeuten, daß hier nicht nur Bücher verkauft werden, sondern daß um die Literatur und durch sie eine Handlung, ein Geschehen in Gang gesetzt wird: Anhand der Bücher soll Kommunikation entstehen.«
Rachel Salamander, 1999
Seit der Gründung der Literaturhandlung 1982 kuratiert Rachel Salamander mehr als 1000 Veranstaltungen in Deutschland und Österreich.
Sie lädt Autor*innen aus aller Welt ein, um die Vielfältigkeit jüdischer literarischer Stimmen einer interessierten Öffentlichkeit zu präsentieren. Und in Gesprächen jüdischen Themen Raum zu geben.
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Bei einer Lesung in der Literaturhandlung in München. Desktop: RSA F 922, 1984 / Mobil: RSA F 172, 1983
Rachel Salamander mit der amerikanischen Historikerin Ruth Gay, Literaturhandlung Berlin, 16.08.1993. RSA F 4
→ MON Mag: Literaturhandlung Berlin.
Rachel Salamander und Lea Fleischmann bei deren Lesung aus »Ich bin Israelin», 1983. RSA F 171
Rachel Salamander und Jürgen Habermas bei der Feier zum 20-jährigen Bestehen des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte und Kultur, Juli 2017. RSA F 45
Natan Sznaider, Rachel Salamander, Robert Schindel, Tarbut-Kongress auf Schloss Elmau, 2003. RSA F 100 → MON Mag: Tarbut-Kulturkongress
Rachel Salamander und Marcel Reich-Ranicki in der Schumann’s Bar, München 1993. RSA F 97
»Menschen trafen sich, lebhafte Debatten entstanden, die Literaturhandlung wurde zu einem Ort geistiger Auseinandersetzung.«
Rachel Salamander, 2021
Die Literaturhandlung eröffnet in München. Ein Ort für Literatur zum Judentum. Das war lange unvorstellbar.
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Literaturhandlung in der Fürstenstraße. RSA F 801
»Immer wenn ich durch die Fürstenstraße gehe – auf dem Weg zu Dir –, sehe ich statt der stillen, friedlichen Straße ein anderes Bild, graue Häuserwände, von denen der Putz fällt, vom Feuer geschwärzte Fensterhöhlen. Ich bin oft dort gegangen, denn ich hatte in der Straße eine Freundin wohnen.
Einmal, an der Ecke der Theresienstraße, traf ich einen Mann, den ich kannte und der mir erzählte, jetzt – so habe er gehört – würden auch die jüdischen Mischlinge (zu denen ich gehörte) in Lager abtransportiert.
Es wurde plötzlich alles dunkel um mich, als ob eine schwarze Wolke alles verhüllte. Wenn damals jemand zu mir gesagt hätte, dass ein paar Häuser weiter es einmal eine jüdische Buchhandlung geben werde, dass jüdische Menschen Vorträge halten und – einander freundschaftlich verbunden – aus- und eingehen würden – es wäre mir wie ein Wunder erschienen.«
Hanne Lenz an Rachel Salamander, 2007
Die Entwürfe für Farben, Logo und Typografie stammen von der Künstlerin Sarah Pelikan und ihrem Mann, dem Industriedesigner Tõnis Käo.
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Bunte Eintrittskartenblöcke zu Veranstaltungen der Literaturhandlung.
»Alles Gestalterische wollten wir der Moderne zuordnen, grundlegende Farbgestaltung, das Signet, die Typografie, Einladung, Programm, Visitenkarte, Lesezeichen, Packtüte. (...) Die weißen Regale, die Richtung hat da die Rachel eingenommen. Das fanden wir sehr gut. Das ist neutral (...) Was ist wichtig – der Buchrücken. Wir konzentrieren uns auf das Buch.«
Sarah Pelikan, 2026
Programmhefte der Literaturhandlung.
Kunstwerk von Sarah Pelikan.
Postkarte der Literaturhandlung.
Postkarte der Literaturhandlung.
Veranstaltungsankündigungen der Literaturhandlung.
Schild der Literaturhandlung.
Für viele Jüdinnen und Juden in den Konzentrationslagern und Verstecken wird Literatur zu einem Überlebensmittel.
Verse geben Trost, Halt und helfen, die Todesangst zu überstehen.
Gerty Spies findet im Schreiben einen Weg, das Grauen zu überleben.
Gerty Spies, 1997
»Schwierig war es, das Papier zum Niederschreiben aus dem Nichts unseres Elends herbeizuzaubern. Aber was sein muß, findet seinen Weg.«
Gerty Spies, Drei Jahre Theresienstadt, 1984
»Die Texte, die aus dieser unmittelbaren Erfahrung geschrieben wurden, haben etwas ganz elementar Authentisches. Also sie spricht nicht nur für sich, sondern setzt auch den anderen, die es nicht mehr gibt, die umgekommen sind, die umgebracht worden sind, ein Denkmal.«
Rachel Salamander über Gerty Spies, 2008
Grete Weil, ca. 1975. GW F 1
Schriftstellerinnen wie Gerty Spies oder Grete Weil legen nach dem Krieg Zeugnis von den erlebten Verbrechen ab.
Doch die Texte der Überlebenden stoßen zunächst kaum auf öffentliches Interesse.
Erst Jahrzehnte später werden sie verlegt, gelesen und diskutiert.
»Quasi aus dem Nichts«, so Rachel Salamander, habe sie die Literaturhandlung aufgebaut.
»Es gab nur noch die eine Aufgabe: Gegen das Vergessen anzuschreiben. Mit allem Vermögen, in zäher Verbissenheit. Vergessen tötet die Toten noch einmal, Vergessen durfte nicht sein.«
Grete Weil im Gespräch mit Lisbeth Exner, 1978
Rachel Salamander, Robert Schindel, Hajo Steinert und Eduard Goldstücker, Literarisches Colloquium Berlin, 6.3.1991. RSA L 30
Die Kinder der Überlebenden wachsen mit dem Verlust kultureller Überlieferung und der Abwesenheit einer gelebten jüdischen Welt auf.
Diese Leerstelle ist für ihre Literatur bestimmend.
»Die meisten Kinder von Überlebenden wußten so gut wie gar nichts über die Vergangenheit ihrer Eltern. … Alles war schmerzlich. Alles war verletzend. Belastet. Kinder von Überlebenden sahen sich von Geheimnissen umgeben. Die Löcher der Vergangenheit ihrer Eltern punktierten und perforierten die Kinder.«
Lily Brett, Zu viele Männer, 2002
»Jüdisches Wissen hatten mir meine Eltern verschwiegen oder hatten es selbst nicht gehabt. Als mein erster Sohn geboren wurde, wollte ich, daß er nicht nur ›jüdischer Herkunft‹ sei, sondern mit mir zusammen auch ein jüdisches Leben führen könne. In Wirklichkeit war ich auf der Suche nach einem Minimum jüdischer Identität in meinem Leben.«
Barbara Honigmann, Selbstporträt als Jüdin, 1999
»Da ist eine Leerstelle, die für meine Generation bestimmend ist. Dieses Fehlen von all dem, was sich von selbst versteht, diese Abwesenheit bleibt das herausragende Ereignis unserer Existenz.«
Rachel Salamander, Jüdisches Leben in Deutschland, 1999
Rachel Salamander und der Schriftsteller Amos Oz in der Literaturhandlung, Anfang der 1980er Jahre. RSA F 607
Die Autor*innen der israelischen Literatur beschäftigen sich vergleichsweise spät mit der Shoah und den Auswirkungen auf die folgenden Generationen. Offensiv nehmen sie aktuelle politische und gesellschaftliche Ereignisse in Israel in den Blick.
»Hinter den Bergen und in weiter Ferne lag auch die Stadt Tel Aviv, ein aufregender Ort.
Von dort aus erreichten uns die Zeitungen, die Gerüchte von Theater, Oper, Ballett, Kabarett und moderner Kunst, die Parteienpolitik, das Echo stürmischer Debatten und auch verschwommener Klatsch und Tratsch.
Große Sportler gab es dort in Tel Aviv.
Und es gab dort das Meer, und das ganze Meer war voller braungebrannter Juden, die schwimmen konnten.«
Amos Oz, Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, 2004
»Israels Literatur antwortet nicht primär auf die Leere nach der Schoah. Es geht … um andere Themen: dass man sich als Jude zur Wehr setzen, dass man eine neue Gesellschaft aufbauen muss. Hineingeboren in einen Staat mit nunmehr eigener Geschichte sind die Probleme hausgemacht.«
Rachel Salamander, 2021
»Ich wollte Israel nicht verstecken, aber es ging mir mehr um das, was sich im Inneren eines Menschen abspielt.«
Zeruya Shalev im Interview mit Volker Hage, Der Spiegel, 2000
Leben in der Welt der anderen Jüdische Autor*innen in Deutschland beschreiben das Spannungsverhältnis zwischen jüdischer Existenz und deutscher Realität.
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Maxim Biller liest auf Einladung der Literaturhandlung in der Bar Schumann’s aus seinem Buch »Mama Odessa«, 14. Oktober 2023.
»Jemand wie ich war in Deutschland nicht vorgesehen. Wenn man mich fragte, was ich bin, sagte ich: ›Ich bin Jude‹. Ich sagte es, weil es so war, und es wunderte mich, dass es die anderen verwirrte. Das merkte ich daran, dass sie sofort das Thema wechselten, gerührt lächelten oder leise erwiderten: ›Ach so‹.«
Maxim Biller, Der gebrauchte Jude, 2009
»Diese Literatur ist von Juden über Juden und Jüdisches geschrieben. Die Autoren stehen erklärtermaßen im Spannungsverhältnis zwischen deutscher Umwelt und jüdischer Existenz. Das wird oft als Aufwachsen in fremder Gesellschaft empfunden, aus der alles Jüdische verschwunden ist.«
Rachel Salamander, 2021
Das Herzstück des Archiv Salamander ist die Rote Sammlung.
Über vier Jahrzehnte hinweg dokumentiert Rachel Salamander die Entwicklung der
Literatur zum Judentum und zeitgeschichtliche Debatten.
Die Rote Sammlung in der Ausstellung »Literatur & Haltung«.
Die Rote Sammlung in der Ausstellung lädt zum Lesen ein.
Blick in die Ausstellung mit roten Ordnern der Roten Sammlung.
Das Archiv Salamander enthält rund 600 Mitschnitte von Lesungen und Veranstaltungen. Anfänglich nimmt Rachel Salamander sie mit einem mobilen Kassettenrekorder auf.
→ Mitschnitte auf monacensia-digital
»Die Reaktionen im Publikum unterscheiden sich dabei je nach zeitlichem Kontext und Veranstaltungsort. Hier kommt es auch zu Reibungen, Konflikten und Äußerungen, die vom gesellschaftlichen (Un-)Wissen über Antisemitismus und Holocaust zeugen.«
Louisa Mathes, MON Mag, 2026
Blick auf den Ausstellungsfilm von der Hörstation aus.
Wandtapete mit Veranstaltungsterminen in der Hörecke der Ausstellung.
Kassetten aus dem Audioarchiv von Rachel Salamander. → monacensia-digital: Hilde Domin, Marcel Reich-Ranicki, Meir Shalev.
Im MON-Mag-Dossier wird die Ausstellung weitererzählt von Rachel Salamanders Weggefährt*innen, Expert*innen und Kurator*innen.
MON Mag – das Online-Magazin Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv
Vielseitig, hochwertig und kostenlos.
Mehr im Netz unter: #LiteraturHaltung
Lesebuch: »Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv«
Das Lesebuch zur Ausstellung, herausgegeben von Anke Buettner und Tina Rausch, versammelt literarische Stimmen aus dem Programm der Literaturhandlung. Verbrecher Verlag 2026. Erhältlich im lokalen Buchhandel.
Rachel Salamander in der Ausstellung »Literatur & Haltung«, Monacensia, 2026.
→ MON Mag: Literaturhandlung.
Das MON Mag begleitet die Ausstellung »Literatur & Haltung» mit weiteren Perspektiven.
→ MON Mag: Ausstellungsdossier.
Weiterlesen in der Leselounge im Forum Atelier der Monacensia.
Das Kurator*innen-Team der Ausstellung »Literatur & Haltung«: Sylvia Schütz, Anke Buettner, Patrick Geiger.
»Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv« Digitale Ausstellung
Ausstellungskuration: Anke Buettner, Patrick Geiger, Sylvia Schütz
Kuration Digitale Ausstellung: Tanja Praske
Redaktion: Anke Buettner, Patrick Geiger, Tanja Praske, Sylvia Schütz
Lektorat: Tina Rausch
Gestaltung: Büro Alba
© Monacensia, 2026
Bildnachweise
Soweit nicht anders angegeben: Münchner Stadtbibliothek / Monacensia, Archiv Salamander (RSA, GW). Wir haben uns bemüht, alle Urheberrechte zu klären. Sollten trotz sorgfältiger Recherche Rechte unberücksichtigt geblieben sein, bitten wir um entsprechende Nachricht.
Gefördert von der Alfred Landecker Foundation.
Herzlichen Dank an Rachel Salamander
Weitere Angaben zur Ausstellung Zum vollständigen Impressum der Ausstellung »Literatur & Haltung«.